Auferstehung

 

Erwacht! Aus einem langen Schlaf. Wie lange? Ich weiß es nicht. Kann mich nicht erinnern. Doch ich fühle die Schwere meiner Gliedmaßen, die Schwere meines Körpers, die das Erwachen noch hinauszögern möchte.
Mein Körper? Ist das überhaupt mein Körper? Ich fühle mich so fremd in ihm, wo er mir doch so vertraut erscheinen sollte. Ist es mein Herz, das in ihm schlägt? Schlägt? Ich erschrecke, denn ich kann es nicht spüren. Bin ich tot? Aber nein, ich atme. Also lebe ich. Aber, warum habe ich das Gefühl, das da etwas nicht stimmt? Ich versuche meine Gedanken zu ordnen. Mich an etwas zu erinnern, das mir zeigt, wie lebendig ich bin. Verschwommene Bilder entstehen hinter meinen Augen. Ich kann das Aufblitzen einer Klinge sehen. Sehe, wie mit ihr zu einem tödlichen Streich ausgeholt wird. Ich möchte schreien. Denjenigen, der die Klinge führt, von seinem Vorhaben abhalten. Aber ich schreie nicht. Dann sind die Bilder wieder aus meinem Kopf verschwunden.
War das eine Erinnerung aus meiner Vergangenheit? Hatte ich überhaupt eine Vergangenheit? Wer bin ich? Langsam öffne ich meine Augen und starre durch die Dunkelheit um mich herum gegen eine steinerne Decke. Stille. Wo bin ich?
Vorsichtig hebe ich meinen linken Arm, blicke auf meine Hand, forme sie zu einer Faust und öffne sie wieder. Was bin ich?
"Steh auf!", fordert plötzlich eine Stimme. Ich erstarre. Wer spricht da zu mir?
"Erhebe dich!" Erneut diese Stimme, so fremd und doch irgendwie vertraut.
Ich drehe meine Kopf nach rechts und sehe eine Gestalt aus einem der dunklen Schatten auf mich zukommen. Ein hochgewachsener, kräftiger Mann, das Gesicht bleich und umrahmt von langem weiß schimmerndem Haar. Seine dunklen Augen fixieren mich. Fasziniert versuche ich dieses Dunkel zu ergründen und verliere dabei die letzten Erinnerungen, die mir noch geblieben waren.
Wer ist er? Kennt er mich? Kann er mir sagen, wer ich bin? Ich richte mich auf. Er beobachtet ungerührt jede meiner Bewegungen. Ich setze an, ihm meine Fragen zu stellen, doch ein plötzlicher peinigender Schmerz in meinem Inneren, läßt nur ein leise Stöhnen über meine Lippen gleiten. Mein Körper krampft sich zusammen. Was ist das? Was ist nur los mit mir? Hilfe suchend blicke ich den anderen an. Und mit einem Mal wird mir bewußt, wer er ist.
"Bitte! Vater! Hilf mir." Lächelnd tritt er näher und legt mir eine Hand auf die Schulter. Wie gut mir diese Berührung tut. Sie lindert meinen Schmerz. Ich schließe meine Augen.
"Komm mein Sohn, du mußt deinen Hunger stillen.", flüstert er und löst seine Berührung wieder. Nur ungern nehme ich das hin.
Einen Augenblick später steigt mir ein süßlicher Geruch in die Nase. Der Geruch frischen Blutes. Ruckartig reiße ich meine Augen wieder auf und starre auf seinen blutenden Arm, den er mir vor mein Gesicht hält.
"Trink!", fordert er mich auf. Ich zögere nicht. Presse meinen Mund auf seine Wunde und sauge sein schwarzes Blut in mich auf. Schluck für Schluck fühle ich mich besser und kräftiger. Und eine weitere Frage beantwortet sich mir. Die Frage nach dem, was ich bin.
"Genug jetzt!"
Widerwillig lasse ich zu, das mir mein Vater seinen Arm wieder entzieht.
"Mehr. Ich will noch mehr.", verlange ich.
"Du wirst mehr bekommen.", verspricht er mir. "Steh auf und folge mir." Gerne komme ich dieser Aufforderung nach und steige von meiner steinernen Lagerstatt.
"Wohin gehen wir?", frage ich ihn.
Blutrot funkeln seine Augen, als er mir antwortet: "Auf die Jagd - Raziel."