Der letzte Hüter

 

Viele Jahre lang glaubte ich, daß mich meine Eltern nicht wirklich liebten. In den Jahren meiner Kindheit überließen sie meine Erziehung und Fürsorge einer Amme. Diese Frau war es, die mich immer liebevoll und tröstend in die Arme genommen hatte, wenn mich wieder einmal der vorwurfsvolle Blick meiner Mutter traf, oder mir mein Vater knurrend aus dem Weg ging. Es schien mir, als hätte ich von Geburt an einen Makel, der vor mir geheimgehalten wurde, und ich war mir sicher daß in meiner Gegenwart darüber geschwiegen wurde. Oft hörte ich meine Mutter nachts leise weinen. Ihrem Weinen folgten die tröstenden Worte meines Vaters. Mein Schlafzimmer lag neben dem ihren, doch leider waren die Wände nicht dünn genug, so das ich nie verstand, über was sie sprachen. Nach solchen Nächten, wenn wir gemeinsam an der gedeckten Tafel saßen und schweigend unser Frühstück zu uns nahmen, fühlte ich mich von ihren sorgenvollen Blicken beobachtet. Ich hielt mein Haupt gesenkt, denn ich wagte es nicht, sie anzuschauen.
Es gab aber auch Momente, die mein kindliches Herz voller Freude höher schlagen ließen. Jene Momente, wenn mein Vater in kurzen Gesprächen ein paar Worte mit mir wechselte, auch wenn diese nicht von Bedeutung waren. Später wies er mich mit mahnenden Worten an, meinen Lehrmeistern zu folgen und die Fechtkunst in geübter Weise zu erlernen.
Anfänglich hielt ich mich an seinen weisen Rat, aber je älter ich wurde, desto mehr zog ich den Stunden mit den Lehrmeistern lieber Wein, Weib und Gesang vor. Einzig die Kunst des Fechtens vermochte es, mich vom Schoß einer lieblichen Maid zu locken. Natürlich blieb das meinem Vater nicht lange verborgen, und so war es unvermeidbar und auch einer der seltenen Momente, das er mich als 20jährigen mit mehr als nur zwei Sätzen bedachte. Schimpfend schlugen seine Worte auf mich nieder. Was ich mir erlaube, mich herumzutreiben anstatt die wichtigen Dinge des Lebens zu erlernen. Ich möge mich davor hüten, noch einmal in den frühen Morgenstunden heimzukehren und betrunken seine Mägde zu belästigen. Und sollte ich mich weiterhin so lasziv gebärden, würde er mir seine Gunst und sein Haus entsagen. Soll er das doch tun, erwiderte ich ihm, denn damit würde ich ihn von meiner Last befreien. Mein Vater verstummte darauf und sein vorher wütender Blick zerfiel in Trauer. Ich sah Tränen in seinen Augen. Er wandte sich ab, um sie vor mir zu verbergen. Einen Augenblick später stammelte er, dies sei nicht sein Begehren. Ich möge diese Schmach meiner geliebten Mutter nicht zufügen, ein Leid, über das sie nicht hinwegkäme. Denn dies wäre ein Bruch mit dem Elternhaus und der Verlust ihres einzigen Sohnes. In diesem Moment der Aussprache wollte ich ergründen, was mir das Gefühl der Distanz zu ihnen gab, und ob sie mich liebten. Ich erhielt keine Antwort darauf, nur die flehende Bitte, ihn allein zu lassen. Traurig und nachdenklich darüber, das meine Fragen weiterhin unbeantwortet blieben, entfernte ich mich. Sei dem vergingen noch weitere 10 Jahre, bis ich auf diese Fragen eine Antwort fand.

Ich wurde dreißig. Zwei Monate danach traf ich die Entscheidung, mich der Armee von König Ottmar anzuschließen. Er warb um fähige Kämpfer, da sich ein Krieg anbahnte. Ein Krieg, der später in der Geschichte unter dem Namen Nemesis eingehen sollte. Diese Entscheidung vertraute ich meiner Amme schon einige Tage zuvor an. Meine Eltern ließ ich dies erst am Morgen meiner Abreise wissen. Ich hoffte, mich so peinlichen Fragen zu entziehen. Wie erwartet gab es keine Worte ihrerseits, die versuchten, mich davon abzuhalten.
Zum Abschied erschienen einzig und allein meine Amme und mein alter Fechtlehrer im Hof unseres Anwesens. Viel Glück wünschte mir mein Lehrmeister und drückte mir fest die Hand. Nicht vergessen sollte ich das, was er mir beigebracht hatte. Augenzwinkernd bestärkte er mich mit den Worten „Vae Victis – Wehe dem Besiegten“, und er gab mir das Gefühl, das seine Unterweisung bei mir in fruchtbaren Boden gefallen ist. Weinend nahm mich meine Amme in ihre Arme. Ich solle gesund zurückkehren, war ihr Wunsch. Danach legte sie mir einen Brief in die Hand, den ich sobald wie möglich lesen sollte. Ich versprach es ihr. Bestieg meinen Rappen und machte mich auf den Weg. Ein Handeln, dessen Folgen mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewußt waren.

Als sich der erste Tag meiner Reise seinem Ende zuneigte, beschloß ich die Nacht in einem Wirtshaus zu ruhen. Zur beginnenden Dämmerung fand ich eines auf meinem Weg. Mein Rappe wurde im Stall versorgt, während ich die Schankstube betrat. Nachdem ich vom Wirt meine Kammer herrichten ließ, suchte ich mir eine ruhige Ecke in der Gaststube und zog den Brief meiner Amme hervor. Ich öffnete das Siegel und sah verwundert auf die Schrift. Ich blickte auf die Handschrift meiner Mutter. Dieser Brief war also nicht von meiner Amme, sondern ein Brief von meiner Mutter.

In ihrem innigen Brief offenbarte sie mir, daß mein Vater und sie mich über alles liebten. Sie glücklich waren, als ich damals geboren wurde, und sie einem harmonischem Familienglück entgegen sahen. Aber eine Bestimmung warf auf dieses Glück einen dunklen Schatten. Prophezeit wurde diese am Tage meiner Geburt durch einen der Hüter der Säulen Nosgoths. Unmißverständlich wurde ihnen klar gemacht, den Weisungen des Hüters nachzukommen, da ihnen sonst der Verlust ihres Sohnes drohte. Eine Weisung besagte, mich von einer Amme aufziehen zu lassen. Es sollte keine starke Bindung an die Familie entstehen. Denn die einzige Familie die ein Hüter haben darf, waren die anderen Hüter selbst. Und, so glaubte meine Mutter, diese waren mit Sicherheit schon unterwegs, um mich zu vereinnahmen, von meinem derzeitigen Vorhaben abzubringen, und mich ihrer erdachten Bestimmung zuzuführen. Sie liebten mich, beteuerte sie noch einmal am Ende ihres Briefes.

Ich ließ den Brief sinken und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. Ja, jetzt verstand ich. Verstand auch das Begehren meines Vaters, das ich alles über mein Heimatland Nosgoth lernen und verstehen sollte. Nosgoth mit seinen Säulen, denen der Verfall drohte. Ich war dazu vorbestimmt, einer ihrer Hüter zu sein. Ich! Warum sollte ausgerechnet ich so eine zerstörte Säule behüten? Das wollte ich nicht! Ich war ein Krieger! Bereit mich im Kampf gegen den Feind zu stellen. Nein, sollten sie sich doch einen anderen suchen. Ich beschloß keinen Augenblick weiter zu zögern und sofort wieder aufzubrechen. Je eher ich bei König Ottmar ankam, um so besser. Ich sprang auf, warf ein paar Münzen auf den Tisch und gab dem Wirt zu verstehen, das ich nun doch kein Zimmer mehr benötigte. Seine Warnung, das sich jetzt in der Nacht Banditen in der Nähe herumtrieben, machte mir keine Angst.

Ich verließ das Wirtshaus Richtung Stall. Mit Entsetzen stellte ich fest, daß man mich meines Rappens beraubt hatte. In der Hoffnung eine Spur zu finden, verließ ich den Stall und suchte auf dem Weg nach Hinweisen auf die Diebe. Waren es die Hüter der Säulen gewesen, die mich an eine Flucht vor ihnen hindern wollten? Nein, es waren meine Mörder, deren Herkunft und Auftrag mich aus dem Weg zu räumen, ich erst später ergründen konnte. Ihnen lief ich geradewegs in die Arme. Jemand rief: „Das ist er!“ Ein anderer: „Ich beende es - jetzt!“ Mir wurde bewußt, daß ich gemeint war und bedroht wurde. Aber nicht mit mir! Ich würde sie niederstrecken, bevor auch nur einer es schaffen würde, seine Waffe gegen mich zu richten. Doch ich sollte mich irren, und das nicht zum letzten Mal in meinem Leben.
Während ich nur zwei Gegner vor mir stehen sah und bereits mein Schwert zur Verteidigung gezogen hatte, griffen plötzlich drei weitere von den anderen Seiten an. Mit lautem Gebrüll näherte sich mir einer von rechts. Ich Narr ließ mich von ihm ablenken und blickte zu ihm. Meine Unachtsamkeit nutzte der hinter mir stehende aus. Sein Langschwert durchbohrte mich. Erstaunt und erschrocken zugleich starrte ich auf die mir den Tod bringende Verletzung, dann brach ich zusammen. Ich rang nach Luft und versuchte mich wieder aufzurichten. Aber es mißlang. Das konnte doch nicht das Ende sein! Mein Ende! Nein...


Ich konnte die eisigen Klauen spüren, die nach mir griffen und zerrten. Immer weiter zogen sie mich in die Dunkelheit hinein, begleitet von lachenden und wispernden Stimmen. Ich lauschte ihnen und erhaschte aus dem Stimmengewirr heraus einen Namen, der mir völlig unbekannt war. Ein Name, dessen Träger mein Schicksal neu bestimmen würde, was ich jedoch im Augenblick meines Sterbens noch nicht wissen konnte.
Ein Name, der mich in die tiefen Schatten des Todes begleitete. Ein Name nur – Mortanius.


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©LadyNightVamp 22.01.2003