Kain

 

Die Nacht ist mein bester Freund. Ihre Dunkelheit verbirgt mich vor neugierigen Augen und lässt mich ungesehen an meine Opfer heranschleichen, die unvorsichtig genug sind, durch das nächtliche Nosgoth zu streifen.
Heute Nacht befinde ich mich in Nosgoths Hauptstadt Meridian, um meinen Hunger zu stillen. Und hier habe ich dich vor wenigen Augenblicken entdeckt. Im Grunde bist du noch zu jung, um jetzt zu sterben und zu schön, deinen Körper in einem moderigen Grab verrotten zu lassen. Aber mich dürstet es nach frischem Blut, und da kommst du mir gerade recht.
Warum musst du ausgerechnet heute Nacht einen Spaziergang unternehmen? Was hat dich bewegt, dein sicheres Heim zu verlassen? Liegt es an der lauen Luft? Hat sie dich etwa sehnsüchtig aus dem Haus gelockt? Oder ist der klare Sternenhimmel schuld, in den du jetzt hineinschaust, dass du die Gefahren vergisst, die in allen Ecken Nosgoths auf dich lauern?
So wie ich es gerade tue.
Meine dunklen Augen verfolgen gierig jeden deiner Schritte und jede Bewegung. Eben hast du mir dein Gesicht zugewandt und ich konnte eine Spur von Traurigkeit darin erkennen. Was ist es, das dich so unglücklich macht? Dein Herzallerliebster? Hat er dich verletzt, das Herz gebrochen? Ist dies der Grund, warum du so einsam durch die Gegend schweifst? Suchst du nach jemandem wie mich, der deinem Leiden ein Ende bereitet?
Gerne werde ich dir diesen Wunsch erfüllen und wenn du es verlangst, auch dem den Tod bringen, der dir so wehgetan hat.
Du könntest mir leid tun, doch dem ist nicht so. Mir hat noch nie jemand leid getan. Selbst als ich meinen Erstgeborenen Raziel töten ließ, regte sich in meinem untoten Herzen nichts.
Nein, ich wurde nicht in diese Welt zurückschickt, um Mitleid mit ihren Bewohnern zu haben. Ich wurde zurückgeschickt, um über dich und Nosgoth zu herrschen. Mein Nosgoth!
Die Erinnerung an den Grund meiner Wiedergeburt lässt mich für einen Augenblick meinen Hunger vergessen, sie verdrängt ihn aber nicht. Jetzt ist meine Gelegenheit und ich werde mich dir noch einige Schritte nähern.
Du blickst wieder zu den Sternen hinauf und der sanfte Nachtwind spielt mit deinen blonden Haaren, die du offen trägst. Wie verlockend sie im Licht des Vollmonds schimmern und ihn dazu verführen, hineinzugreifen. Ich werde es tun. Werde dich in meinen Armen halten, während der Schrecken dir dein Gesicht entstellt, wenn du in das meine blickst. Denn in diesem Augenblick wirst du erkennen, was ich bin, aber nicht wer.
Ich werde mich dir nicht vorstellen, wenn meine eisigen Klauen deinen Hals umklammern und dir die Luft zum Atmen nimmt. Möglich, dass es dir noch gelingt, mich nach meinem Namen zu fragen. Doch erst wenn sich meine Zähne tief in deinen Hals gegraben haben und dein warmes Blut geschmeidig durch meine Kehle rinnt, wirst du ihn erfahren. Erst dann, wenn der kalte Schatten des Todes nach dir greift und dich in die Tiefe reißt, wird er dir offenbart werden.
Und wenn du deinen letzten Atemzug hauchst, wird er flüsternd über deine blassen Lippen dringen.
K
ain.
 


 

©LadyNightVamp 2003